Ich hopse auf meinem Bett herum, halte eine Zahnpastatube in meiner kleinen Hand und kreische im perfekt beschissenen Englisch lauthals: „Ladies and Gentlemen: Mr. Elton John!“
Im Fernseher läuft MTV. Don’t Let the Sun Go Down on Me und der Typ im blauen Anzug geht mir (noch) am schmalen Hintern vorbei. Ich kenne zu diesem Zeitpunkt nur Sir Elton, weil meine Oma ihn so gerne hört und sie mir im Divi (eine alte Supermarktkette) die Schallplatte kaufte. Opa gönnt sich derweil eine Currywurst und hängt am Spielautomaten. Die 90er sind Scheiße, aber auch ein bisschen geil.
Ich spule mal vor in das Jahr 1996.
Ich bin von Kopf bis Fuß verknallt in meine Nachbarin. Zu diesem Zeitpunkt der schönste, tollste und natürlich beste Mensch der Welt. Hormone fluten meinen Körper, wenn ich nur an sie denke. In ihrer Nähe ist alles Regenbogen. Und wenn sie über meine Witze lacht, bin ich verlegen und glücklich. Und mache endlos damit weiter, zu versuchen, sie zum Lachen zu bringen, weil ich nicht aufhören kann, ihr dabei zuzusehen. Leider bin ich zum Haare raufen schüchtern und dem Alter entsprechend auch noch strunzdumm. Es ist herrlich.
Nachbarin und ich sind nur Freunde, und wenn ich mich richtig anstrenge und mich nur trauen würde, dann würden wir sicher auch „zusammengehen“. Eigentlich wartet sie nur auf den ersten Schritt von mir, aber ich bin feige, unsicher und absolut nicht gut genug für dieses göttliche Wesen, das mir den Atem raubt, mich um den Schlaf bringt und mich dauernd dazu bringt, an mir rumzuspielen. Und ja, ich habe hinterher immer ein schlechtes Gewissen.
Die Nachbarin hat Geburtstag. Und eine CD geschenkt bekommen. OLDER von George Michael. Den kenne ich nicht, aber zusammen Mucke hören, abhängen und wie zufällig mit meinem Arm ihren Arm berühren, beim Reingrapschen in die Chipstüte noch zufälliger ihre paprikaverklebten Finger befummeln? All right, ich bin dabei.
Jesus to a Child. Ich verstehe kein Wort vom Text, denn ich bin immer noch Scheiße in Englisch, aber die Gänsehaut will trotzdem nicht verschwinden. Die sanfte Stimme trifft mich so hart und unvorbereitet, dass ich meine Tränen zurückhalten muss. Ich bleibe tapfer und bei Fastlove habe ich mich nicht nur gefangen, sondern will unbedingt wissen, was der Mann im CD-Player da eigentlich singt, denn schon der Sound seiner Stimme beruhigt mich und macht mich glücklich.
Zu meinem Glück ging meine Nachbarin aufs Gymnasium, war ’ne Streberin und konnte mir die Songtexte mal eben am Wochenende ins Deutsche übersetzen. Geil.
Den Sommer über hörte ich nichts anderes als Older auf dem Discman. Mein Vater fragte dann auch, was da dauernd bei mir dudelt. Ich antwortete: „George Michael“. Und er nur so: „Der war gut mit Queen“.
Als ich alle Texte auswendig konnte, musste ich schleunigst in die Stadt zum Plattendealer. Unter Buchstabe M lagen Faith und Listen Without Prejudice Vol. 1 im Regal. Gott hatte gesproc… gesungen.
Da ging ganz kurz dann das Licht in meinem Leben an. Freedom! ’90, Father Figure, Heal the Pain. Ich ging kaputt.
Aber mal ohne Witz, wie zum Fick wird „Prejudice“ ausgesprochen, ohne sich dabei die Zunge zu verknoten oder in die CD-Hülle zu spucken?
Aus meiner Nachbarin und mir ist übrigens nichts geworden. Aber George und ich gehen immer noch zusammen. Ich bin immer noch verliebt und er ist auch heute noch fester Bestandteil meines — warte, jetzt werde ich kitschig — Soundtracks des Lebens.
Nur hatte ich jetzt keine Übersetzerin mehr für seine Texte, Google Translate war noch nicht erfunden, also musste ich in der Schule selbst ein bisschen besser aufpassen. Aber auch ohne alles ganz genau verstanden zu haben, konnte ich mich in den Sound seiner Stimme verlieren. Warum muss ich auch Musik unbedingt verstehen? Das ist ja bescheuert. Dafür ist sie nicht da. Fick auf die Details und erinnere dich lieber an das Gefühl.
Mit meiner George-Michael-Liebe stand ich ziemlich allein im Dorf. Zum Glück hörte ich auch noch Depeche Mode ganz gern und stieg im Ansehen meiner Freunde wieder ein bisschen. Dann hatte ich meine Gothic-Phase und sank zur gleichen Zeit im Ansehen meines Vaters wieder. „Bist jetzt ein Satanist, oder was?“
Nö, aber ich trug Schwarz und sah dabei ziemlich lecker aus. Ja, ohne es selbst bemerkt zu haben, war ich ein ziemlich attraktives Kerlchen geworden und endlich interessierten sich auch die Mädchen für mich. Ich ließ mir die Haare lang wachsen und trug ein dickes, fettes Kreuz als Ohrring. Ich war der fucking düstere James Dean aus der Hölle auf meinem aufgemotzten Mofa.
Und mein „erstes Mal“ hatte ich dann zu … Trommelwirbel: The Cure. Tja, Sorry George. Aber später habe ich ziemlich oft zu deinen Songs geknutscht.
Und dann gibt es ja noch deine Box OLDER/UPPER und auf UPPER gibts diesen Song Safe. Und Alter, die Platte ist nicht nur genial, erotisch, verführerisch, melancholisch und gefährlich. Nein, man kann zu dem Song auch ganz hervorragend ficken.
Mit Anfang 20 die Mucke der Eltern gut finden, ist wahrscheinlich nicht so geil für die musikalische Entwicklung. Da muss man schon auch was Eigenes finden. Sich abgrenzen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu und da darf es dann auch keine Regeln geben.
Heute ist mir alles scheißegal, das Alter und die Weisheit, in Ewigkeit, Amen, erlauben mir, ALLES gut zu finden. Ich höre Jazz, Industrial, Rock, Pop und selbst Taylor Swift hat ein paar gute Nummern auf der Pfanne. Musik darf unschuldig sein, denn Musik ist Kunst. Und ich verstehe das voll. Dieses Swifty-Phänomen.
Wenn du Fan bist, und besonders wenn du jung bist, erst frisch formatiert und noch nichts begriffen hast, weil du ja erst noch die Erfahrungen machst, alles in dir aufsaugst wie ein Schwamm, weil in deiner Birne noch nicht viel drinsteckt, dann ist es aufregend, Fan zu sein. Wir sollten das dringend beibehalten. Auch wenn wir älter werden. Es genießen. Das Fansein. Ganz doll. Es ist vielleicht peinlich, kapitalistisch und dumm, und Fansein ist vielleicht die größte Stufe der Dummheit. Aber genieße es. Wenn ich durch meine Wohnung tanze und lauthals I’m Your Man gröle, dann vergesse ich kurz, was mich quält, und was kann man von einem Popsong bitte noch mehr erwarten?
Freeek! Geiles Lied. Habe ich ganz lange nicht mehr gehört. Aber ich habe es komplett in mir drin.
Du hast mich durch alle Höhen und Tiefen meines Lebens musikalisch begleitet. Dein Werk umfasst im Vergleich zu anderen Pop-Göttern nur wenige Alben und Songs. Nicht weil du zu faul warst, oder zu bekifft, oder zu depressiv, aber ein paar Platten mehr hätte ich mir schon von dir gewünscht. Aber zum Glück kamst du immer dann mit einer neuen Platte raus, wenn ich dich am dringendsten brauchte.
Todesfall in der Familie: You Have Been Loved
Erste sexuelle Erfahrungen mit einem Mann: Outside
Erstes Mal ans Bett gefesselt: Easier Affair and „Dancing with the Freaks now!“
Wenn immer mich Unsicherheiten verfolgten, hattest du den passenden Text für mich. Auf meiner Hochzeit hast du zum Beispiel Amazing für mich gesungen und zu meiner Scheidung Waiting for That Day. Du hast mich all die Jahre angeleitet, getröstet und mich an die Hand genommen. Das ist für immer.
Du bist am 25. Dezember 2016 im Alter von 53 Jahren gestorben und als ich die Nachricht auf Twitter las, fühlte ich nichts. Ich glaubte es nicht. Es war so unwirklich. Nicht real. Es konnte nicht sein. Ich weigerte mich, diese Wahrheit anzunehmen. Ich blieb noch stundenlang vor meinem Laptop sitzen und durchforstete das Internet. Es musste sich um einen Irrtum handeln.
Aber nein. Du hattest mich verfickt noch mal allein gelassen. Wie konnte denn bitte Mr. Last Christmas am zweiten Weihnachtstag den Arsch zukneifen? Was ist das denn bitte für ein verschissener Sinn von Humor?
Am nächsten Morgen saß ich wieder vorm Notebook und grub mich durch die Nachrufe und dann gab es plötzlich kein Halten mehr. Ich weinte Rotz und Wasser. Ich habe mich minutenlang nicht mehr eingekriegt. Du Wichser hattest mir das Herz gebrochen. Das fühlte sich an, als wäre ein Familienmitglied, mein bester Freund gestorben. Und so war es ja auch.
Man sagt, Trauer ist nachgetragene Liebe, und verliebt in dich bin ich seit 1996, als du im Kinderzimmer meiner Nachbarin das erste Mal zu mir gesungen hast.
Mach’s gut, mein Freund. Ich werde heute Abend schon wieder diesen unfassbar kitschigen Last Christmas-Film schauen und deiner Stimme lauschen und kräftig mitsingen. Egal, was war, egal, was ist. Fans machen das so.
Hab dich lieb, dein Jay
Dieser Text ist ebenfalls erschienen auf:
https://medium.com/@jayraydillon/someone-special-a110bd789c5e